Der Ledermann – ein Auslaufmodell?

Ich identifiziere mich als schwuler Ledermann: ich trage gerne Leder von Kopf bis Fuß – je mehr desto besser. Am wohlsten fühle ich mich in Lederhosen, Lederhemd und Stiefeln – im sogenannten BLUF-Stil. Dieses Outfit kombiniere ich mit Armbändern, Lederkappe, Weste oder Jacke, je nach Anlass, Lust und Laune. Seit den 1960er Jahren treten Ledermänner im Bild der queeren Szene in Erscheinung, vorerst noch eher verborgen und unter dem Deckmantel von Motor-Sport-Clubs. Mit der Verbreitung von Tom of Finlands Zeichnungen und den ersten Mr. Leather Wahlen wurde die Lederszene sichtbarer. Spätestens ab 1978 mit dem Erscheinen des Liedes Y.M.C.A. kannte jeder den typischen Ledermann, den Glenn Hughes als Sänger der Village People verkörperte. Wie oft pfeifen oder singen Leute, die mir auf der Straße begegnen, dieses Lied vor sich hin oder mir direkt laut entgegen.

Foto by Clemens Manser (Insta: @manser.portraiture)

Kürzlich habe ich mir jedoch die Frage gestellt, ob ich womöglich aus der Zeit gefallen bin und der Ledermann per se ein Auslaufmodell geworden ist. Ich wollte an einem großen Fetisch-Wochenende in Wien teilnehmen und habe vergeblich nach einem Event für Lederkerle gesucht. Für allerhand andere Fetisch-Vorlieben gab es eigene Veranstaltungen und Treffen, Lederfetischisten fanden sich aber nur unter Mixed Fetish wieder. Als dann auch noch unvorhergesehener Weise aufgrund von nicht beeinflussbaren Umständen zwei meiner gebuchten Events abgesagt werden mussten, habe ich mich spontan dazu entschieden, wieder nach Hause zu fahren. Immer öfters gibt es Partys mit gemischtem Fetisch oder Dresscode ‚Fetish Gear Welcome‘, eine Zusammenkunft von Ledermännern und striktem Dresscode sucht man (außerhalb Berlins) meist vergeblich.

Das soll jetzt kein Jammern auf hohem Niveau werden. Ich kenne durchaus mein Standing als weißer, schwuler cis-Mann und auch den Vorwurf toxischer Männlichkeit in der schwulen Leder-Community. Das Aufkommen der Ledermänner nach dem Zweiten Weltkrieg in Form von Motorradfahrern in Lederjacken baute auf die Unsicherheit jener Männer in ihrer Zeit: Unsicherheit, Versteckspiel und vor allem dem Gefühl der Minderwertigkeit. Schwule Männer fühlten sich damals, und allzu oft auch heute noch, weniger wert als andere und idealisierten dadurch die Hypermaskulinität. Sie wollten in der Gesellschaft nicht auffallen und hielten an traditionellen männlichen Denk- und Verhaltensweisen fest. Zudem kam die Angst vor Zurückweisung aufgrund ihrer Andersartigkeit. Deshalb stählten sie ihre Muskeln, kleideten sich in Leder und fuhren mit ihren Motorrädern durch die Straßen. Die verinnerlichte Unsicherheit verleitete sie zu übertrieben männlichem Benehmen, teilweise mit ausgeprägt dominanten Verhaltensmustern. Tom of Finland zeichnete seine Männer auf genau diese Art und Weise: das enge Leder spannt über muskelbepackte Oberkörper, die Kippe im Mundwinkel, ein zum Bersten gefüllter Schritt, Motorräder… Bilder, die sich in den Köpfen einprägten und bis heute Assoziationen zum Ledermann hervorrufen.

Die Angst vor Ablehnung führte unweigerlich zur Sehnsucht, dazuzugehören und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Als Mitglied eines Motorradvereins oder regelmäßiger Besucher einer Lederbar fühlten sie sich an einem sicheren Ort und bei Menschen, mit denen sie sich identifizieren konnten: die Leder-Community. Diese hat sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt, ist inklusiver geworden und sich den unterschiedlichen Formen des Fetischismus geöffnet. Aus den typischen Motorradclubs sind Fetischvereine geworden und statt den bis vor wenigen Jahren noch üblichen Mister Leather Wahlen wird heutzutage oft der Titel Mister Fetisch verliehen. Der Vorwurf der toxischen Männlichkeit ist vielfach nicht berechtigt. Die Leder-Community heißt Mitglieder mit vielfältigen Ausdrucksformen willkommen und bietet einen sicheren Platz für alle, die sich mit Fetischismus identifizieren können.

Foto by Jana Madzigon, Die Presse

Diese Inklusion konnte ich auf der diesjährigen Regenbogenparade in Wien erleben. Im Sinne des Pride-Mottos „Together we Rise“ haben sich vier Fetisch-Vereine zusammengetan und sich dem Paradenzug entlang der Wiener Ringstraße angeschlossen. Auffällig war, dass ich einer der wenigen Ledermänner in unserer Gruppe war. Die bunte Mischung und vor allem die großartige Stimmung und das Zusammengehörigkeitsgefühl haben darüber weggetröstet, dass ich offensichtlich einer aussterbenden Spezies angehöre. Vermutlich gab es deshalb bei der ORF Berichterstattung im Fernsehen eine Nahaufnahme von mir und mein Foto ist im Internet in der Kategorie „Ausgefallenste Pride-Outfits“ zu finden.

Hand aufs Herz, haben wir nicht heutzutage dieselben Beweggründe wie unsere Vorgänger? Haben wir als Homosexuelle nicht immer noch genauso ein Gefühl der Minderwertigkeit in uns, eine Angst vor Zurückweisung und die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit? Woran liegt dann aber der erkennbare Rückgang der Ledermänner. Etwa an der vorgenannten Kritik der Hypermaskulinität? Oder an der schlichten Anpassung und den einfachen Weg der Übernahme einer bestehenden, angeglichenen Identität statt der Schaffung und dem Ausleben einer eigenen, ehrlichen Identität. Trauen sich viele von uns deshalb nicht mehr so wie sie wirklich sind in die queere Welt, die uns umgibt?

Ich selbst trage gerne Leder, stelle meine Maskulinität zur Schau, fahre Motorrad. Beruhige ich dadurch meine Unsicherheiten? Vermutlich ja. Bin ich deswegen toxisch und von Natur aus schlecht? Mein Fetischismus und meine öffentlichen Vorlieben haben nichts mit Toxizität zu tun. Ich schade niemandem und habe nicht das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, wer und wie ich bin. Ich respektiere und genieße unsere bunte, vielfältige Welt, sehe mich als authentischer Teil davon und stehe der Community weder kritisch noch enttäuscht gegenüber. Dennoch fühle ich mich mehr und mehr an den Rand einer Schublade gedrängt und selbst in unserer Minderheit als Außenseiter. Bin ich denn wirklich aus der Zeit gefallen?

Mein Aufruf an die Ledermänner: zeigt Euch weiterhin und wählt bei einer Pride Parade, auch bei sommerlichen Temperaturen, stolz die Leder-Gear statt Baumwoll- oder Jeans-Shorts und Sneakers aus Gründen der Anpassung und Konformität. Tut Euch auch außerhalb der großen Mainstream-Events zusammen und fürchtet Euch nicht vor Zurückweisung. Nur so gehören wir weiterhin zum Erscheinungsbild der queeren Community und sind keine verstaubte, aussterbende Gattung, sondern geben dem Modell Ledermann die Chance für eine Renaissance…

 

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