Jeder Tag ist Pride

Mit dem Start des traditionellen Pride-Monats sprießen wie aus dem Nichts überall Regenbogen, in Form von Fahnen auf Gebäuden und Verkehrsmitteln sowie als Aufdruck auf Produkten unseres täglichen Bedarfs. Und genauso schnell, wie sie erscheinen, verschwinden die Regenbogen dann auch wieder mit Ende Juni aus unserem Sichtfeld. Sichtbarkeit und queeres Bewusstsein beschränken sich aber eben nicht nur auf einen Monat, sondern auf jeden einzelnen Tag des Jahres.

Die diesjährige Regenbogenparade in Wien erlebte nach der pandemiebedingten Pause ein fulminantes Comeback in voller Größe. Zwischen den einzelnen Gruppen fanden sich auffällig viele Firmen, die mit Trucks aufwarteten, sich einen queer-friendly Anstrich verliehen und sogar ihr Logo in Regenbogenfarben tauchten. Eine derart starke Unterstützung bei unserer Demonstration für Respekt, Akzeptanz und gleiche Rechte in Österreich, Europa und auf der ganzen Welt tut gut. Viele Unternehmen leben eine Diversity-Kultur und haben echte Solidarität mit unserer Community in ihre Unternehmenskultur verankert. Dennoch steckt hinter so mancher Firmenaktionen reines Rainbow-Washing zur Geldmacherei. Ein Blick auf den Social Media Feed von Unternehmen reicht aus, um ehrlich gemeintes Engagement von bloßer Fassade zu unterscheiden. Wird dort auch unterjährig mit gleichgeschlechtlichen Paaren geworben oder die Vielfalt des Lebens gezeigt? Der Pride-Einsatz der Firmen erwecken den Eindruck, dass bezüglich LGBTIQ in unserer Gesellschaft alles in Ordnung ist. Kommentare unter einem Post zur Pride in Graz zeigten dies deutlich. Viele User stellten die Frage, weshalb diese Paraden denn noch notwendig seien, wir hätten doch eh schon alles erreicht und würden deshalb nicht mehr auf die Straße gehen müssen und dadurch Straßensperrungen auslösen sowie Straßenbahnverbindungen unterbrechen. Das waren noch die harmloseren Kommentare, denn jegliche Art der Abwendung von gesellschaftlicher Norm ist heutzutage mehr denn je zu sozialem Sprengstoff geworden.

Nein, wir haben nicht alles erreicht. Österreich liegt bei Gleichberechtigung und Diskriminierungsschutz im europäischen Mittelfeld. Ich kann hier noch immer aufgrund meiner sexuellen Orientierung ganz legal aus dem Taxi oder einem Café geworfen werden. Genauso ist mein Schwulsein ein rechtskräftiger Grund in Österreich, dass ein Vermieter sich dagegen entscheidet, mir eine Wohnung zu vermieten. Ich darf als schwuler Mann noch immer nicht Blutspenden, wenn ich innerhalb der letzten zwölf Monate Sex mit einem Mann hatte. In Linz wurden dieses Jahr Transgender-Personen während der Pride attackiert. Ein Jogger, der mir kürzlich beim Laufen entgegenkam und mein Pride Run Shirt mit Regenbogenaufdruck sah, hat sich vor mir bekreuzigt. Wie viele argwöhnische Blicke erntet man, wenn man Hand in Hand mit gleichgeschlechtlichen Partnern durch die Straßen geht?

Peter Fiske schreibt in seinen 2019 erschienenen Memoiren “My Leather Life”: „An jenem Tag im Juni 1970, beim ersten Pride March in San Francisco, gelobte ich, den Kampf für LGBT-Rechte in den Mittelpunkt meines Lebens zu stellen. Zusammen mit den anderen Demonstranten bekräftigten wir, dass wir nicht länger schweigen oder Diskriminierung hinnehmen würden, sondern offen für unsere Menschenrechte kämpfen würden, wenn die Polizei unsere Bars und Partys durchsuchte. Die Stonewall Riots waren der Funke gewesen, der das brodelnde Gefühl der Ungerechtigkeit entfacht hatte, das so viele von uns auf unterschiedliche Arten empfunden hatten – bei der Arbeit, in sexuellen und sozialen Beziehungen und vor dem Gesetz. Ich fühlte, dass ich nicht nur versuche, ein authentisches Leben zu führen, sondern dass wir alle, Schwule wie Lesben, für die Rechte aller kämpfen, einschließlich derjenigen, die sich noch immer verstecken müssen.“ Im Sinne dieses Spirits von vor über 50 Jahren gehe auch ich nach wie vor auf die Straße und setze ein selbstbewusstes Zeichen für Vielfalt und Solidarität. Wenig Verständnis habe ich deshalb für die Meinung eines homosexuellen Freundes, der Prides als zu schwul empfindet, sich als Straight-acting deplatziert fühlt und nicht zum stereotypen Verhalten der LGBTIQ-Community beitragen möchte – oder vielleicht eher Angst davor hat. Wenn wir uns jetzt auf dem bisher Errungenen ausruhen und uns damit zufriedengeben, was erreicht wurde, werden wir wieder an den Rand der Gesellschaft gedrängt und zunehmend unsichtbar.

Als heranwachsender, nicht geouteter schwuler Teenager hatte ich es fast zur Perfektion gebracht, meinen Platz in der Gesellschaft in größter Unauffälligkeit einzunehmen. Mit diesem Bewusstsein und der Erinnerung daran gehe ich heute in Leder auf die Straße, um Berührungsängste zu reduzieren und Vorurteile zu beenden. Und das nicht nur an einem Tag pro Jahr zur Pride, sondern wann immer mir die Möglichkeit dazu geboten wird – auf der Straße wie auch im digitalen Raum. Dass das nicht jedem gefällt, zeigt die vor kurzem erfolgte permanente Sperrung meines Twitter Accounts. Der Sperrung vorangegangen war eine Nachricht eines Twitter-Users: „BDSM ist Missbrauch“ sowie einzelne meiner expliziteren Posts, die angezeigt und daraufhin deaktiviert wurden. Aus Unwissenheit, Ignoranz oder gar Neid? Ich erwarte nicht, dass sich alle mit jeglichen Lebenseinstellungen identifizieren und sämtliche Vorlieben und Praktiken gutheißen müssen. Ich möchte mit meinem „stereotypen Verhalten“ niemanden erschrecken oder provozieren, sondern mit selbstbewusstem Auftreten mir selbst gegenüber authentisch sein und damit anderen die Freiheit geben, sich selbst treu zu sein. Umso wichtiger, mit Sichtbarkeit Vorurteile – auch hinsichtlich sexueller Freiheit – aus dem Weg zu räumen. Auch wenn dies bei intoleranten Menschen, die sich aus eigenem Frust in der digitalen Welt hinter Pseudonamen verstecken, nahezu unmöglich ist. Die Entscheidung unseres Lederclubs in Wien, dieses Jahr nicht an der Regenbogenparade teilzunehmen, sondern stattdessen als Zaungäste dem CSD zuzusehen, hat mich daher sowohl verwirrt als auch traurig gestimmt.

Immer wieder werde ich auf Pride-Paraden auf die Lederflagge angesprochen, die ich mit mir trage. Diese von mir gern gehörte Frage, ob von jung oder alt, ist ein Türöffner, um Berührungsängste beiseitezuschaffen. Denn meine Erklärung für die Symbolik der seit 1989 existierenden Fahne spricht für sich: Schwarz steht für Leder, S/M, Rubber und diverse andere Fetische. Blau steht für die Brüder- und Schwesternschaft und unsere Community, weiß ist für die Reinheit und Ehrlichkeit untereinander. Und das rote Herz symbolisiert nicht nur für gegenseitiges Einverständnis und Respekt, sondern vor allem die Liebe. Eine Fahne voller Attribute, für die wir als Community stehen und für deren Akzeptanz und Wertschätzung wir nicht nur im Pride-Monat sichtbar sein und kämpfen müssen, sondern Tag für Tag…